Afghanistan
13. März 2015
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Afghanistan. Nachdem das Land am Hindukusch erstes Ziel des US-amerikanischen Kampfes gegen den Terror geworden war, nachdem das Regime der Taliban gestürzt war, gibt es zarte Vorstöße zu einer Demokratisierung des Landes im Würgegriff der Taliban und des Daesh. Eine (literarische) Reflexion der vergangenen Ereignisse wird wohl erst in mit dem notwendigen zeitlichen Abstand möglich sein.

Doch bereits seit sechzig Jahren wird Afghanistan unaufhörlich von Krisen gebeutelt. Mit dem Konflikt mit Pakistan Ende der 1940er-Jahre und dem Sturz des Sahir Schah 1973 setzte eine Entwicklung ein, die schließlich 1979 zum Einrücken sowjetischer Truppen führte. Die Zeit der Fremdbesatzung ist es, die den Hintergrund für Atiq Rahimis „Der Krieg und die Liebe“ bildet. Der Autor, 1962 in Kabul geboren, floh selbst 1984 nach Pakistan und hat seither in Paris ein neues Zuhause gefunden.

Vater?“ Mit dieser einfachen Frage beginnt Rahimi seine Geschichte eines jungen Mannes, Farhad, der sich – verdreckt und schmerzerfüllt – in völlig unbekannter Umgebung, unter fremden Menschen wieder findet. Er wähnt sich, den Beschreibungen seines Großvaters über den Tod folgernd, zuerst im Jenseits, bevor seine Erinnerung langsam und schlaglichtartig zurückkehrt und er die Ereignisse der vergangenen Stunden rekapitulieren kann: nach einigen überzähligen Gläsern Wein hatte er die nächtliche Ausgangssperre übersehen und war von Soldaten aufgehalten worden. Von ihnen brutal in die Gosse geprügelt, hatte ihn Mahnas, eine junge Mutter, vor dem Tod gerettet und in ihrem Haus versteckt.

Mahnas Mann war ein Jahr davor verhaftet und hingerichtet worden. Der kleine Junge, der von all dem nichts ahnt und glaubt, sein Vater lebte in einer weit entfernten Stadt, glaubt in Farhad den verlorenen Vater wieder gefunden zu haben. Für den beginnt die Tragik der Ereignisse an diesem Punkt aber erst. Um einem ähnlichen Schicksal wie jenem des Mannes der Retterin zu entgehen, bleibt für ihn nur die Flucht nach Pakistan – umso tragischer, als eine kleine Flamme der Liebe zwischen den beiden gerade zu lodern beginnt.

In einer einfachen und umso eindringlicheren Sprache zeigt Rahimi den Wahnsinn der Repression und des Krieges, der die Menschen des Landes zu Opfern macht: Farhad muss das Land in eine ungewisse Zukunft verlassen, die folgerichtig nur in der Katastrophe enden kann, seine Mutter verliert ihren Sohn, Mahnas bereits zum zweiten Mal einen Mann ihres Lebens, und Yahyas, der Sohn, zum zweiten Mal einen Vater. Berührend ist die Schilderung einer Zeit, in der selbst der Liebe keine Chance bleibt.

Bereits mit seinem ersten, kleinen Roman „Erde und Asche“ ist dem Autor ein ähnlich ergreifendes Buch gelungen: Ein alter Mann steht darin vor der schwersten Aufgabe seines Lebens. Seine ganze Familie wurde bei einem Angriff des sowjetischen Militärs auf sein Dorf ausgelöscht. Einzig sein kleiner Enkel hat überlebt – und sein Sohn, der in einem Bergwerk arbeitet, und von all dem noch nichts weiß. Es ist nun am Großvater, seinem Sohn vom Tod seiner Familie und seiner Frau zu berichten; eine ungeheure Belastung, von der er sich bis zum Ende hin nicht befreien kann.

Der Roman ist in Du-Form geschrieben – ein außergewöhnlicher Stil, der eine kleine Herausforderung darstellt, die mit der durch sie erreichten Eindringlichkeit aber belohnt wird. Rahimi lässt uns tief in die Innenwelt des Großvaters blicken, uns mit ihm leiden. Er klagt den Krieg an und macht seine verheerenden Folgen sichtbar. Etwa mit dem Enkel, der bei dem Angriff taub geworden ist und nun glaubt, die Sowjets hätten den Menschen und den Dingen die Stimme genommen. Welch glückliche Ahnungslosigkeit!

Den Menschen Afghanistans war auch nach zehn Jahre Fremdbesatzung kein Frieden vergönnt. Zwar ermöglichte die Machübernahme von Muhammad Najibullah 1986 und Vermittlungen durch die UNO ein Abkommen, das den Abzug der sowjetischen Truppen 1989 zur Folge hatte, doch brachten die Mujaheddin nach und nach das ganze Land unter ihre Kontrolle, sodass der Sturz Najibullahs nur mehr logische Konsequenz ihres Aufstiegs blieb. Doch entbrannte jetzt erst recht ein Bürgerkrieg innerhalb der religiösen Gruppierungen. Diese Situation förderte den Aufstieg der Taliban, die 1996 schließlich die Macht übernahmen und Afghanistan in ein Land verwandelten, in dem das Lachen und Singen verboten war, in dem Tanzen zur Sünde erklärt wurde und Frauen nur unter einem Tschadri versteckt das Haus verlassen durften und wegen minderer Vergehen wie Ehebruch zum Tode verurteilt und exekutiert wurden.

Genau dieses Afghanistan ist es, das der Algerier Yasmina Khadra (alias Mohammed Moulessehoul) in „Die Schwalben von Kabul“ beschreibt: „Im Land der Irrtümer, die kein Bedauern kennen, sind Hinrichtungen oder Begnadigungen nicht das Ergebnis gründlicher Beratung, sondern Ausdruck purer Willkür.

Khadra erzählt von Mohsen Ramat, der als junger Mann der Glückliche unter den vielen Buhlern um die bildschöne Juristin Zunaira war. Heute muss sie – ihren Beruf durfte sie nach der Machtübernahme der Taliban nicht länger ausüben – im Schutz der eigenen vier Wände ihr Dasein fristen. Er beteiligt sich – im eigenen Unwissen um das Warum – an der Steinigung einer Ehebrecherin. Nachdem er Zunaira, nach einem Streit darüber, überreden kann, in ihren Tschadri zu schlüpfen, um gemeinsam auf den Markt gehen zu können, wird beiden das Ausmaß der talibanschen Weltsicht bewusst. Durch ein Unglück landet die schöne Zunaira im Gefängnis.

Khadra erzählt auch vom Gefängniswärter Atiq und seiner todkranken Frau Mussarat, die sich dazu bereit erklärt, in die Kleider jener schönen Frau im Gefängnis zu schlüpfen und an ihrer Stelle in den Tod durch Genickschuss zu gehen, um die aufkeimende Liebe ihres Mannes zu retten.

Sprachgewaltig zeigt Khadra, wie die menschenverachtende Schreckensherrschaft der Taliban langsam ihren Weg in die Wohnzimmer der Menschen findet und sie der Menschlichkeit entrückt. Er hält seine Augen offen, verschließt sie nicht vor der Grausamkeit, auch wenn unsere schon längst mit Tränen gefüllt sind.

Wir machen schwere Zeiten durch, Liebling. Vor lauter Wehklagen haben wir ganz vergessen, was Ruhe heißt. Eine plötzliche Windstille jagt uns schon Entsetzen ein, und wir zweifeln an allem, was uns nicht bedroht.

Atiq Rahimi: Der Krieg und die Liebe
Aus dem afghanischen Persisch (Dari) von Susanne Baghestani
192 Seiten, München, Claassen, 2003
€ 16,00 (D) / € 16,50 (A) / sFr 27,50

Atiq Rahimi: Erde und Asche
Aus dem afghanischen Persisch (Dari) von Susanne Baghestani
104 Seiten, München, List, 2003
€ 6,95 (D) / € 7,20 (A) / sFr 12,40

Yasmina Khadra: Die Schwalben von Kabul
Aus dem Französischen von Regina Keil-Sagawe
158 Seiten, Berlin, Aufbau-Verlag, 2003
€ 17,50 (D) / € 18,00 (A) / sFr 30,60

 

Lothar Ruttner

Lothar Ruttner

Freiberuflicher Grafik-Designer, Autodidakt und Weltentdecker aus Leidenschaft. Ursprünglich aus der Alpenrepublik Österreich, lebt und arbeitet er seit 2006 in seiner Wahlheimat Berlin.
Lothar Ruttner

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