Der Traum der Moderne
15. Januar 2016
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Für Le Corbusier, jenen legendären, aus der Schweiz stammenden Architekten, erfüllte sich 1951 ein Traum: er bekam den Auftrag, im Norden Indiens eine neue Stadt zu bauen – Chandigarh. Auf einem über 100 Quadratkilometer großen Gebiet konnte er seine Ideen für den Städtebau der Zukunft Realität werden lassen. Eine Spurensuche 65 Jahre danach.

Der Indien Independence Act von 1947 besiegelte zweierlei: das endgültige Ende der britischen Kolonialherrschaft am indischen Subkontinent und die Teilung Indiens in – vorerst – zwei Staaten: Indien und Pakistan. Die neue Grenze verlief nun quer durch die Provinz Punjab und teilte diese fortan in einen pakistanischen Teil mit der alten Hauptstadt Lahore und einen indischen Teil. Auf der Suche nach einem geeigneten Standort für einen Regierungssitz für den neuen indischen Bundesstaat, fiel die Wahl auf ein Areal in der Nähe des Dorfes Chandigarh, dessen Name auch jener der neuen Hauptstadt werden sollte.

Zunächst ging der Auftrag für die Planung der Stadt an den amerikanischen Städteplaner Albert Mayer und den polnisch-amerikanischen Architekten Matthew Nowicki. Die beiden entwarfen einen Masterplan für die Stadt, der ein Netzwerk aus kurvigen Straßen vorsah, die die Stadt in einzelne Sektoren zerschnitt und dabei auf ein geometrisches Raster verzichtete. Als Nowicki 1950 auf der Rückreise von Indien in die USA bei einem Flugzeugabsturz ums Leben kam, verzichtete auch Mayer auf die weitere Ausführung der Planung. Auf besonderen Wunsch des indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru wurde in der Folge Le Corbusier mit der weiteren Planung beauftragt. Mit seinem langjährigen Partner und Vetter Pierre Jeanneret machte er sich an die Arbeit für einen neuen Masterplan.

Kommt man heute in Chandigarh an und fährt mit dem Taxi vom etwa 8 Kilometer außerhalb des Zentrums gelegenen Bahnhof in die Stadt, fallen zwei Dinge wohltuend auf: Die Bäume der fast endlos wirkenden Alleen, hinter denen Häuser in grauem Beton hervor blitzen, machen Chandigarh zu einer grünen Stadt, mit einer Luft, die – insbesondere wenn man aus dem Moloch Delhi anreist – zum Durchatmen einlädt. Die Straßen wirken erstaunlich leer mit einem Verkehr der ruhig dahinfließt, ohne den ohrenbetäubenden Lärm anderer indischer Städte, in denen auf den stets verstopften Straßen jeder Verkehrsteilnehmer hupend auf sich aufmerksam machen muss, um nicht übersehen zu werden. Schnell wird hier klar, warum die Stadt sich – ganz offiziell – „The City Beautiful“ nennt.

Im Sektor 17, dem „Herzen“ Chandigarhs. Foto: Lothar Ruttner
Im Sektor 17, dem „Herzen“ Chandigarhs. Foto: Lothar Ruttner

Wie Mayer und Nowicki hat auch Corbusier die Stadt in Sektoren aufgeteilt. Anders als die beiden vertraute er aber einer strikteren Geometrie und schuf ein Raster aus Sektoren mit einer Seitenlänge von je 1.200 × 800 Metern. In jedem Sektor wohnen zwischen 3.000 und bis zu 20.000 Menschen in Wohngebäuden, die maximal 60 Prozent der Grundstücksfläche bedecken, und nicht höher als drei Stockwerke sein dürfen. Jeder Sektor funktioniert für sich autonom mit Schulen, Arztpraxen, Grünflächen, Wohnhäusern und einem zentralen Marktplatz mit Geschäften, an einer den Sektor in der Mitte durchschneidenden Straße. Insgesamt verfügt jeder Sektor nur über vier Einfahrten für Fahrzeuge. Der Durchzugsverkehr wird über die breiten Hauptverkehrsstraßen zwischen den Sektoren durch die Stadt gelenkt.

Das Konzept, jeden Sektor als kleines Dorf in der Stadt anzulegen, erlaubte es sogar, ganze, auf dem neuen Hauptstadtareal existierende kleine Siedlungen in die Stadt zu integrieren. So etwa Kajheri Village, das noch heute fast in seinem ursprünglichen Grundriss in Sektor 52 besteht, oder das Dorf Burail in Sektor 45, das vor allem aus Armenbehausungen besteht. Der zentral gelegene Sektor 17 beherbergt den Bridge Market, wenn man so möchte, das Zentrum der Stadt, mit Einkaufsstraßen, Restaurants, Banken und einem Kino. Sektor 17 ist das eigentliche Herz der Stadt, doch für Corbusier-Fans ist das Herzstück der Stadt eigentlich sein Kopf: das Capitol Complex genannte Regierungsviertel in Sektor 1.

In einem ausgedehnten, parkähnlichen Areal stehen hier die zentralen von Corbusier für Chandigarh geplanten Bauwerke: Der Justizpalast, das Parlament und das Ministeriengebäude. Das vierte für hier geplante Gebäude, der Gouverneurspalast wurde aufgrund von Vorbehalten des Gouverneurs nie umgesetzt.

Kurz nach dem Tod von Corbusier wurde Punjab 1966 erneut geteilt. Der hindisprachige Teil wurde als eigener Bundesstaat Haryana vom mehrheitlich panjabisprachigen Teil abgespalten. Chandigarh, das genau auf der Grenze der beiden Staaten lag, wurde als Unionsterritorium direkt der indischen Zentralregierung in New Delhi unterstellt. Seither fungiert es als Hauptstadt beider Bundesstaaten.

Früher war es sehr einfach, den Capitol Complex zu besuchen. Nach dem Attentat auf den ehemaligen Ministerpräsidenten von Punjab, Beant Singh, der 1995 von nationalistischen Sikhs getötet wurde, wurden die Sicherheitsvorkehrungen deutlich verschärft und der Besuch war nur noch mit einem Genehmigungsschreiben möglich. Inzwischen wurden die Beschränkungen wieder etwas gelockert und ein neues Besucherzentrum am Eingang zum Regierungsviertel wurde gebaut, von dem aus Führungen angeboten werden.

Wichtigstes Dokument – wie so oft in Indien – ist der Reisepass mit dem eingeklebten Visum, ohne den gar nichts geht. Wurden dessen Daten ordnungsgemäß in das Besucherbuch übertragen, ist der Bürokratie genüge getan, und die Führung kann beginnen. 90 Minuten dauert der Besuch, viel zu knapp bemessen, angesichts der Größe des Areals. Absolute Disziplin sei daher nötig, ermahnt uns der Führer. Die Gruppe dürfe keinesfalls verlassen werden und wir sollen stets zusammen bleiben, sonst müsse die Führung abgebrochen werden. Ein mit Gewehr bewaffneter Soldat, der die Gruppe begleitet, unterstreicht die Dringlichkeit der Aufforderung.

Die drei farbigen Pfeiler des High Courts. Foto: Lothar Ruttner
Die drei farbigen Pfeiler des High Courts. Foto: Lothar Ruttner

Im Laufschritt geht es zur ersten Station der Besichtigung: das High Court. Zwischen den zur Reinigung trockengelegten Pools erheben sich die drei Pfeiler in grün, gelb und rot, die das gesamte schwere, gewölbte Betondach zu tragen scheinen und das Gebäude in zwei Flügel aufteilt. Den Fenstern vorgehängte Betonelemente spenden Schatten und sorgen so für eine natürliche Kühlung der dahinter befindlichen Büroräume. Das Innere des Gebäudes kann nicht besichtigt werden. Anscheinend fürchtet man, Touristen könnten Geheimnisse der indischen Jurisprudenz ausspionieren. Die Wandteppiche, die Corbusier für die Gerichtssäle des Gebäudes gestaltet hat, bleiben so leider ein Geheimnis. Dafür dürfen wir über die stufenlose Rampe auf das Dach des Gebäudes. Doch bloß nicht zu viel Zeit verlieren, schon steht das nächste Besichtigungsziel auf der Agenda: das Open Hand Monument.

Das Wahrzeichen Chandigarhs: Corbusiers Open Hand Monument. Foto: Lothar Ruttner
Das Wahrzeichen Chandigarhs: Corbusiers Open Hand Monument. Foto: Lothar Ruttner

Corbusier entwarf hier, für den Capitol Complex, sein Metall gewordenes Credo für die Stadt: eine offene Hand, für ihn Symbol für das Geben und Nehmen – „Pleine main j’ai reçu, pleine main je donne.“ –, die inzwischen ein Logo für die Stadt geworden ist. Ob das darin enthaltene Versprechen eines gerechten Sozialstaates Wirklichkeit geworden ist, sei dahingestellt. Liest man die offene Hand, die ja keine Waffen tragen kann, aber als Zeichen des Friedens, so verwundert die Assoziation an Picassos Friedenstaube, die sich bei der Betrachtung unweigerlich aufdrängt, nicht mehr.

Vorbei an Cricket spielenden jungen Männern geht es weiter Richtung Palace of the Assembly. Irgendwie erinnert dieses Parlamentsgebäude mit seinem aufragenden Turm an ein innerstädtisches Atomkraftwerk. Und bestimmt ist die Inspiration der Formensprache in der Fortschrittsgläubigkeit seiner Zeit verankert. Ein einziges Mal auf dieser Tour dürfen wir hier die Innenräume betreten – natürlich nicht, ohne vorher sämtliche Taschen und jedenfalls sämtliche darin befindlichen Fotoapparate an der Garderobe abzugeben. Nein, vielmehr, sie auf dem Tresen der Garderobe abzulegen. Zu sehr ist das Personal mit dem Mittagessen beschäftigt, als dass es sich um die Bedürfnisse der Touristen kümmern könnte.

Die Assembly im Capitol Complex. Foto: Lothar Ruttner
Die Assembly im Capitol Complex. Foto: Lothar Ruttner

Spaziert man die Rampe im Inneren empor, so kommt beim Erreichen der Vorhalle zum Versammlungssaal ein leichter Verdacht auf, warum Besucher die Innenräume eigentlich nicht betreten sollten: es sollte wohl besser keine Zeugen geben, die der Außenwelt berichten können, wie sehr der wohl als zu kalt empfundenen Betonarchitektur Corbusiers hier zur Leibe gerückt wird. Aufgestellte, paraventartige Zwischenwände unterteilen die Weite des Raumes in kleinere, übersichtliche Räume. Holzverschalungen um die Säulen lassen Erinnerungen an die gute heimische Stube der Abgeordneten aufkommen und sollten wohl gar nicht erst zulassen, dass Visionen des Fortschrittglaubens wie noch in den 60er-Jahren das ebenso tun. Im Plenarsaal selbst vertraut man überraschenderweise noch auf die Originalausstattung. Lediglich der Vorsitzende soll, wohl seinem Stand entsprechend, heute lieber auf einem thronartigen Sitz den Versammlungen folgen können.

Aussicht vom Secretariat auf den Capitol Complex: links die Assembly, dahinter das Open Hand Monument, ganz hinten das High Court. Foto: Matthieu Götz.
Aussicht vom Secretariat auf den Capitol Complex: links die Assembly, dahinter das Open Hand Monument, ganz hinten das High Court. Foto: Matthieu Götz.

Vom Dach des Secretariat Building dürfen wir noch einen letzten Blick über das weitläufige Areal des Capitol Complex werfen. Noch beeindruckt von der Größe und der Vision dieser städtebaulichen Mammutaufgabe, lässt sich eine gewissen Traurigkeit nicht unterdrücken. Überall macht der bröckelnde Beton deutlich, in welch bedauerlichen Zustand die Bauwerke heute sind. Und so sind diese Schäden an den Bauten ein Sinnbild für den Status quo der städtebaulichen Ideale ihres Erbauers.

Chandigarh, ursprünglich für 500.000 Einwohner geplant, platzt aus allen Nähten. Die Einmillionen-Grenze ist inzwischen erreicht. Mit den beiden Nachbarstädten, mit denen es zusammen die Chandigarh Tricity bildet, ist es inzwischen zusammengewachsen. Gemeinsam sind es sogar in etwa 1,4 Millionen Einwohner. Es ist kaum von der Hand zu weisen, dass die Stadtarchitektur einen Einfluss auf die Entwicklung einer Stadt hat. Chandigarh ist heute die reichste Stadt Indiens mit einem Pro-Kopf-Einkommen fast drei Mal so hoch wie der gesamtindische Durchschnitt. Die Analphabetenrate ist deutlich geringer als im Rest Indiens, und im Human Development Index belegt sie innerhalb Indiens den ersten Rang. Kein Wunder also, dass Chandigarh Menschen anzieht. Platz für eine Erweiterung der Stadt im Sinne des Masterplans, wie er bis heute umgesetzt wurde, ist jedoch kaum mehr vorhanden. Sie wird die vielen Menschen wohl nur durch eine Verdichtung im vorhandenen Stadtraum aufnehmen können. Und das wird wohl nur über den Verzicht auf Grünflächen möglich sein. Doch noch ist es nicht so weit, und noch träumt die Stadt den Traum der Moderne – The City Beautiful.


Nachtrag (25. Juli 2016): Das Welterbe-Komitee der UNESCO hat das architektonische Werk Le Corbusiers in seiner 40. Konferenz in Istanbul im Juli 2016 als einen „herausragenden Beitrag zur Bewegung der Moderne“ gewürdigt und seine Regierungsbauten in Chandigarh, gemeinsam mit Gebäuden in Argentinien, Belgien, Frankreich, Deutschland, Japan und der Schweiz, in die Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. 

 

Destination: Chandigarh

Telefon: Internationale Vorwahl für Indien 0091

Zeitdifferenz gegenüber MEZ: +4,5 Stunden (keine Umstellung auf Sommerzeit)

Beste Reisezeit: Oktober bis April

Einreise: Für die Einreise nach Indien ist für Staatsbürger der Schengen-Staaten ein gültiger Reisepass und ein Visum erforderlich. Das Visum muss vor der Einreise beantragt werden. Die Indische Botschaft hat für die Visabwicklung private Diensleister beauftragt: Unter www.ivs-germany.com und www.igcsvisa.de für Deutschland, bzw. www.blsindiavisa-austria.com für Österreich sind weitere Informationen zu finden.

Anreise: Der Flughafen von Chandigarh (IXC) wird nicht von außerhalb Indiens angeflogen. Eine Anreise ist via Delhi oder Mumbai, oder von Ahmedabad, Bangalore und Srinagar möglich. IndiGo, AirAsia, Jet Airways, GoAir und SpiceJet haben Chandigarh in ihrem Streckennetz.
Von New Delhi aus ist Chandigarh bequem mit dem Zug – im Shatabdi Express in gut dreieinhalb Stunden – erreichbar. Weiterhin besteht eine tägliche Verbindung von und nach Jaipur.

Besuch des Capitol Complex: Im April 2015 wurde ein neues Besucherzentrum am Eingang zum Capitol Complex eröffnet. Von der Jan Marg kommend überquert man die Uttar Marg am Kreisverkehr und folgt der Straße ein Stück weiter, bis man rechterhand unter den Bäumen das kleine Gebäude des Besucherzentrums erreicht. Das Regierungsviertel kann nur im Rahmen einer Führung um 10, 12 oder 15 Uhr besucht werden, die dort startet. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, aber der Reisepass muss unbedingt vorgelegt werden. 
Das Department of Tourism Chandigarh Administration hat eine 24-Stunden-Touristenhotline unter der Nummer 1800 180 2116 eingerichtet.

Destination bereist im Januar 2016

Lothar Ruttner

Lothar Ruttner

Freiberuflicher Grafik-Designer, Autodidakt und Weltentdecker aus Leidenschaft. Ursprünglich aus der Alpenrepublik Österreich, lebt und arbeitet er seit 2006 in seiner Wahlheimat Berlin.
Lothar Ruttner

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