Das Bad der Tausend

Das Bad der Tausend, Rendaiji-Onsen. Foto: Lothar Ruttner

Das Wasser plätschert, durch den nur schummrig beleuchteten hölzernen Raum ziehen Dunstschwaden, die von dem mit heißem Wasser gefüllten Becken aufsteigen, das wohlig den Körper umspült: Auf der Halbinsel Izu (jap. 伊豆半島, Izu-hantō), etwa 100 km südwestlich von Tokio, und in gut zweieinhalb Stunden mit der Bahn aus der lebhaften, nie ruhenden Metropole Japans erreichbar, liegt das beschauliche Örtchen Rendaiji, das einen besonderen Ruhepol beheimatet: das Kanaya Ryokan mit seinem angeschlossenen Thermalbad.

Von Tokyo Station aus erreicht man nach 45 Minuten Fahrt im Shinkansen den Bahnhof von Atami. Wer Glück hatte und bei gutem Wetter gereist ist, hat unterwegs einen Blick auf den majestätischen Gipfel des Fuji ergattern können. Von Atami aus fährt ein Regionalzug in etwa anderthalb Stunden die Ostküste der Halbinsel Izu entlang nach Rendaiji. Die Strecke eröffnet spektakuläre Aussichten auf die Sagami-See, sodass der Zugbetreiber beschlossen hat, auf der Strecke Panorama-Züge einzusetzen, in denen der Fahrgast, statt quer zur Fahrtrichtung, in seitliche Blickrichtung sitzen kann, um die Aussicht ungestört und ohne Verspannung im Nacken genießen kann.

Izu, die fast pfeilartig ins Meer vorstoßende Halbinsel, ist vulkanischen Ursprungs und und wurde aus den vom Fuji ausgespienen Lavamassen gebildet. Die bergige und zerklüftete Region war eine beliebte Urlaubsregion der Hauptstädter, bis in den 70er-Jahren günstige Flugpreise das Fernweh der Japaner weckten und die Halbinsel in einen dornröschenartigen Schlaf versank.

Vom kleinen Bahnhof Rendaiji aus sind es nur wenige Minuten zu Fuß, bis man das Kanaya Ryokan erreicht. Mit Ryokan bezeichnen Japaner ihre traditionellen Gasthäuser, in denen man auf Futons schläft und morgens und abends verköstigt wird. Oft verfügen diese Ryokans auch über ein traditionelles Bad, in dem man sich wäscht und wo man in der mit heißem Wasser gefüllten Holzwanne entspannen kann.

Ein bisschen ist ein Aufenthalt dort wie eine Flucht aus dem Alltag. Wie in Japan üblich zieht man die Straßenschuhe schon am Eingang aus, den Rest der Kleidung tauscht man dann im Zimmer gegen den Yukata ein, eine Art Bademantel aus Baumwolle, der entfernt an einen Kimono erinnert, aber wesentlich einfacher gearbeitet ist.

Die Zimmer des Kanaya Ryokans sind – soferne man sich nicht für eine westliche Ausstattung entscheidet – traditionell eingerichtet. Der Fußboden ist mit Tatami-Matten aus Reisstroh ausgelegt. Den Raum begrenzen Shōji, mit Papier bespannte Schiebewände aus einer Holzrahmen-Konstruktion. Als eines der wenigen Möbelstücke steht ein etwa dreißig Zentimeter hoher Tisch im Raum, umringt von einigen Sitzschalen, die ein wenig so aussehen, als hätte man von einem Stuhl die Beine abgeschraubt und und den verbleibenden Rest direkt auf den Boden gestellt. Abends werden Futons direkt auf den Tatami-Matten ausgerollt und zum Schlafen bezogen.

Wer sich hier, ob des verhältnismäßig hohen Preises für die Übernachtung einen Luxus nach westlichen Maßstäben erwartet, wird enttäuscht. Eine Gemeinschaftstoilette befindet sich am Gang, ebenso ein Waschbecken. Für die Körperhygiene ist ein anderer Ort vorgesehen, das eigentliche Herzstück des Ryokans: sein Onsen.

 

 

 

Das japanische Wort „Onsen“ bedeutet so viel wie „heiße Quelle“, von denen es in Japan zahlreiche gibt, liegt doch das ganze Land auf vulkanisch aktivem Gebiet. Ähnlich dem vorgestellten “Bad” im Deutschen bezeichnet Onsen gleichermaßen Orte mit einer Thermalquelle, als auch die Badeinrichtungen etwa eines Ryokans. Hier, im Kanaya Rykon, lässt der Name des hauseigenen Onsens bereits großes erwarten: „Sen-nin buro“ – das Bad der Tausend.

Das Bad der Tausend ist eigentlich das Männerbad. Den Frauen steht ein eigenes, etwas kleineres zur Verfügung. Durch eine im Wasserbecken angebrachte Türe können sie aber das Männerbad mitbenutzen. Für die Männer führt der Weg zunächst durch die Garderobe, wo Körbchen für das verbliebene Kleidungsstück, den Yukata, bereitstehen. Das Bad betritt man nackt. Doch ehe man ins Wasser steigen darf, ist ein gründliches Waschen Pflicht. Rechts vom Becken ist eine Reihe von Waschplätzen angeordnet. Hier wird nicht einfach die Dusche aufgedreht, man folgt einer älteren Tradition. Gewaschen wird im Sitzen, auf niedrigen Kunststoff-Schemeln die vor den Wasserhähnen aufgereiht sind. Unter ihnen stehen Kunststoffschüsseln bereit, die das Wasser aufnehmen, mit dem man sich abduscht. Unter kleinen Spiegelchen an der Wand liegen Seifen bereit. Beobachtet man mit welcher Akribie Japaner beim Waschen zu Gange sind, so bekommt man schnell den Eindruck, wir Europäer seien ziemliche Ferkel. Und selbst, wenn man sich wäscht und schrubbt wie nie zuvor bleibt irgendwie der Eindruck bestehen, die Japaner fänden uns trotz allem ein bisschen eklig.

Das Bad befindet sich in einem 1915 erbauten Holzhaus, das ein bisschen wie eine Scheune wirkt, in seiner Schlichtheit aber eine einzigartige Atmosphäre ausstrahlt. Wenn auch fraglich bleibt, ob in das vollständig aus Holz gezimmerte Becken von 15 × 5 Metern tatsächlich 1.000 Menschen passen würden, so ist dessen Größe doch beeindruckend. An manchen Stellen sogar bis zu einem Meter tief könnte man hier fast Schwimmen. Doch dem steht ein Detail im Weg: das Wasser ist richtig heiß. Mit 55°C strömt das Wasser hier aus der Quelle und kühlt im Becken nur langsam ab. Es braucht schon ein wenig Überwindung, ins Becken zu steigen, doch ist man erst mal drin, sitzt gemütlich auf einer der unter Wasser angebrachten Holzbänke, lässt die Dampfschwaden über seinen Kopf ziehen, die gemeinsam mit dem nur schummrigen Licht den Blick trüben, hört außer dem stets ins Becken frisch plätschernden Quellwasser keinen Laut, ist der Lärm der Straße, dem wir noch Tags zuvor in Tokio ausgesetzt waren, ganz weit weg und fast vergessen, und setzt eine Entspannung ein, die den Lauf der Zeit vergessen lässt.

Irgendwann lässt uns der Hunger aber doch ins Zimmer zurückkehren, wo das fast ausschließlich weibliche Personal des Hauses sogleich nach einer, so scheint es, geheimen Choreographie beginnt, Tellerchen um Tellerchen und Schälchen um Schälchen, auf allen mit Virtuosität arrangierte Speisen, deren Namen wir nicht kennen, auf dem Tisch anzuordnen, dass wir unseren Augen nicht trauen mögen. Mit dem Wort „Kanpai“, auf ein Gläschen deutend, werden wir aufgefordert anzustoßen und mit dem Essen zu beginnen.

Das Sashimi-Bötchen im Kanaya Ryokan. Foto: Lothar Ruttner
Das Sashimi-Bötchen im Kanaya Ryokan. Foto: Lothar Ruttner

Auf einem Schiffchen in der Mitte des Tisches scheint umringt von mit Blüten dekoriertem Sashimi ein Fischchen eben erst aus dem Meer auf den Tisch gesprungen zu sein, auf einem kleinen Feuerchen brutzelt an jedem Platz eine Muschel vor sich hin, auf einem anderen gart ein Stückchen Rindfleisch, gemeinsam mit Zwiebeln, Spargel und Pilzen, auf einem Tellerchen wartet eine, in einem trockenen Blatt eingepackte Überraschung, auf einem anderen liegt fein aufgeschnittener, eingelegter Rettich, auf wieder einem anderen wartet ein Stückchen Kuchen zum Dessert verspeist zu werden.

Nach dem Essen besucht uns Izumi am Zimmer, die Managerin des Ryokans. Sie versteht sich als Künstlerin – ihre Bilder dekorieren die Gänge des Hauses, sie tanze und sie sei Sopranistin. Ganz begeistert, Gäste aus dem deutschsprachigen Europa, aus dem Land von Mozart, Schubert, Schumann zu haben, gibt sie uns sogleich eine Probe ihres Könnens. Weder Melodie noch Text sind auf Anhieb zu erkennen, doch mit etwas Konzentration und gutem Willen erschließt sich die Quelle:

Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden,
Wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt,
Hast du mein Herz zu warmer Lieb’ entzunden,
Hast mich in eine beßre Welt entrückt!

Frühstück im Kanaya Ryokan. Foto: Lothar Ruttner
Frühstück im Kanaya Ryokan. Foto: Lothar Ruttner

Das Bild des Frühstückstisches am nächsten Morgen ist dem vom Vorabend ähnlich. Nicht ganz so üppig und in seiner Auswahl eher der Tageszeit entsprechen darf doch der gebratene Fisch nicht fehlen. Doch ein anderes, viel alltäglicheres Lebensmittel zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich: ein Ei. Es sieht ein wenig aus, wie ein gekochtes Ei in einer Soya-Sauce, und doch ist die Konsistenz anders, als wir das kennen. Das sogenannte Onsen Tamago wird im heißen Thermalwasser, bei Temperaturen unter 70°C, über einen Zeitraum von etwa einer Stunde gegart, wodurch das Eiklar und der Dotter eine wachsweiche Konsistenz erhalten und nicht stocken, wie das bei gekochten Eiern der Fall ist. Die Sauce, in der das Onsen Tamago serviert wird – es ist Dashi, die traditionelle Fischbrühe, vermischt mit ein wenig Soya-Sauce – harmoniert so hervorragend mit dem Ei und mit dem obligatorischen japanischen Reis, dass sich am Gaumen eine Geschmacksexplosion ereignet, die man von so einfachen Zutaten nicht erwarten würde.

Ein Onsen Tamago zum Frühstück, Kanaya Ryokan. Foto: Lothar Ruttner
Ein Onsen Tamago zum Frühstück, Kanaya Ryokan. Foto: Lothar Ruttner

Tiefenentspannt und gut genährt verlassen wir in einer regnerischen Stimmung Rendaiji. Izumi schenkt uns zum Abschied noch eine ihrer selbsteingespielten CDs:

Oft hat ein Seufzer, deiner Harf’ entflossen,
Ein süßer, heiliger Akkord von dir
Den Himmel beßrer Zeiten mir erschlossen,
Du holde Kunst, ich danke dir dafür!

 

Destination: Kanaya Ryokan

Telefon: Internationale Vorwahl für Japan 0081

Zeitdifferenz gegenüber Berlin: +8 Stunden, im Sommer +7 Stunden, da Japan keine Umstellung auf die Sommerzeit vorsieht

Beste Reisezeit: ganzjährig

Einreise: Für die Einreise nach Japan ist für Staatsbürger der Schengen-Staaten lediglich ein gültiger Reisepass erforderlich. Bis zu einer Aufenthaltsdauer von 180 Tagen ist kein Visum erforderlich.

Anreise: Die Flughäfen von Tokio Narita (NRT) und Osaka Kansai (KIX) werden von nahezu allen großen Fluglinien aus Europa direkt angeflogen. Die Flughäfen sind öffentlich gut an das Nahverkehrsnetz und mit Umsteigen an den Shinkansen angebunden. Züge des Hikari und des Kodama der Tōkaidō-Shinkansen halten in Atami, wo ein Umstieg zur Itō-Linie mit direkten Zügen (abItō weiter auf der Izu Kyūkō Linie) bis nach Rendaiji, möglich ist. Vom Bahnhof in Rendaiji sind es nur wenige Minuten zu Fuß zum Kanaya Ryokan.

Kanaya Ryokan
〒415-0011 静岡県下田市河内114-2
(114-2 Kochi, Shimoda 415-0011, Shizuoka Prefecture)
Telefon: +81-55-822-0325
kanaya.la.coocan.jp (nur japanisch)

Destination bereist im Oktober 2010

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